Wie sich mit künstlicher Intelligenz und einem Knopf im Ohr Sprachbarrieren überwinden lassen

Timekettle

99 Prozent aller Firmen, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen, fokussieren sich auf die Interaktion zwischen Personen und Maschinen. Das Startup Timekettle aus Shenzhen will dagegen die zwischenmenschliche Kommunikation verbessern. Eine Reise in die Schweiz diente als Geburtshelfer für das Produkt.

Matthias Müller, Shenzhen

NZZ – Neue Zürcher Zeitung

Leal Tian ist der Gründer des Unternehmens Timekettle, das laut Amazon das weltweit erste auf künstliche Intelligenz gestützte Übersetzungssystem herstellt.

In einem grossen, hellen Raum sitzen rund 20 Personen zusammen, einige blicken auf den Bildschirm, andere unterhalten sich. Das Büro befindet sich in dem Mini Science Park in der an Hongkong angrenzenden Millionenstadt Shenzhen, wo es vor vier Jahrzehnten nur ein paar Dörfer gab. Leal Tian schaut auf das Team und sagt: «Mit 30 Kolleginnen und Kollegen und einem Durchschnittsalter von 28 Jahren haben wir eine gute Grösse. Ich möchte nicht zu schnell wachsen, denn daran gehen viele Startups zugrunde.»

Tians Unternehmen Timekettle hat im Dezember vergangenen Jahres seinen vierten Geburtstag gefeiert. Und auf der Site des Online-Händlers Amazon wird das von Tian und seiner Mannschaft entwickelte Produkt als «weltweit erstes auf künstliche Intelligenz gestütztes Übersetzungssystem» angepriesen.

«Sie haben es nicht einmal versucht»

Die Nutzung des Hightech-Produkts ist einfach: Bei Unterhaltungen unter vier Augen benötigen die beiden Gesprächspartner jeweils einen Ohrstöpsel und ein Smartphone mit Internetzugang, auf dem die App von Timekettle installiert ist. Nun können sie in ihrer jeweiligen Muttersprache reden, und das Gegenüber hört die Übersetzung mit einer leichten Verzögerung von ein bis drei Sekunden auf seinem Ohrstöpsel. Parallel dazu ist das Gesagte auch auf dem Smartphone zu lesen.

Derzeit bietet Timekettle 43 Sprachen und mehr als 90 Dialekte an. Da das System auf künstlicher Intelligenz basiert, sind «Sie haben es nicht einmal versucht» wegen der grossen Datenmengen die Übersetzungen aus dem Chinesischen und Englischen besonders gut. Auch die Übertragungen aus dem Chinesischen ins Deutsche sind verständlich, selbst die schwierige Setzung der Kommata ist regelkonform.

Das System basiert auf drei Pfeilern. Die von Timekettle entwickelten